Vom Eisschnellauf zur FlugsicherungAls ehemaliger Leistungssportler und damit eher auf Muskelarbeit als auf die des Kopfes trainiert, und damals inzwischen schon 24 Jahren alt bewarb ich mich im Oktober 2012 bei der DFS für die Ausbildung zum Traumberuf. Als frühestmöglichen Ausbildungsbeginn gab ich den September 2014 an.

Mit dem Zugang zum Online-Fragebogen erhielt ich meine erste positive Einschätzung: die DFS hat grundsätzliches Interesse an mir. Der ca. 100 Fragen umfassende Fragebogen blieb für zehn Tage zugänglich. Ich füllte ihn in zwei Teilen aus, da ich meine Konzentration nach zu vielen Fragen nicht verlieren wollte. Immerhin stellt der umfangreiche Auswahlprozess eine große Hürde im Kampf um die Ausbildungsplätze dar. Der Fragebogen drehte sich hauptsächlich um ganz persönliche Dinge: den Lebenslauf, Schule, evtl. vorhandene, bisherige Berufserfahrungen und meine Motive, Fluglotse werden zu wollen.

Die erste Einladung nach Hamburg kam kurz vor Weihnachten rein: das beste Geschenk überhaupt. Den vorgeschlagenen Termin konnte ich problemlos verschieben. Ganz wertvoll für mich waren  die Zugangsdaten für die computerbasierten Tests: Konzentrationsfähigkeit, Belastungstests, Englisch, Richtungsänderungstests, Kompassrose, Würfelsummen, Merkfähigkeit usw. Gleich lud ich mir die Flashprogramme auf den Laptop und probierte diverse Übungen aus. Einige gelangen mir auf Anhieb, andere bereiteten mir Probleme. Der Umfang von knapp 140 Englisch-Aufgaben trainierte zudem meine Kondition. Viele der gefragten Vokabeln des Fremdsprachentests kannte ich nicht, obwohl ich mein Englisch als „flüssig“ einschätzte. Mir schien, als wäre der Test mit reinem Abiturenglisch nicht zufriedenstellend lösbar. Wer also schon eine Zeit lang im englischsprachigen Ausland war oder häufiger mit englischen Muttersprachlern spricht, ist hier klar im Vorteil. Meine Merkfähigkeit empfand ich ebenso verbesserungswürdig. Somit waren die Ziele für die nächsten sechs bis acht Wochen klar: Englisch sprechen und Memory spielen.

Der erste Tag in Hamburg Ende Februar 2013 begann direkt mit dem schriftlichen Englischtest (20 Minuten für 60 Fragen), teilweise waren es dieselben oder zumindest ähnliche Aufgaben wie beim Heim-CBT. Nach dem darauffolgenden Merkfähigkeitstest stand die Mittagspause auf dem Programm. Gerade aufgrund des Vigilanz-Tests (60 Minuten lang scheinbar gleiche Farbpunkte und Töne verfolgen und Abweichungen erkennen) nach der Mittagspause konnte ich die Empfehlung, nur leichte Kost zu mir zu nehmen, nachvollziehen. Da ich mich an diesen Tipp hielt, verging die Zeit schneller als gedacht. Meine aufrechte Körperhaltung verhinderte, dass ich im Gegensatz zu manch anderen Teilnehmern meinen Kopf auf den Schreibtisch ablegen musste. Beim dichotischen Hörtest half mir die Blickverlagerung auf die entsprechende Seite des Monitors mich besser auf die jeweils geforderte Gehörseite zu konzentrieren. Nach dem ersten Untersuchungstag war ich total platt und erledigt. 20 Minuten Jogging halfen mir, wieder frisch und munter zu werden.

Am nächsten Morgen sollten ganze 32 von 44 Bewerbern die Heimreise antreten. Zum Verabschieden war keine Zeit eingeplant. Für mich und die anderen elf Teilnehmer ging es direkt weiter. Der Strip-Test wird sehr ausführlich erklärt, was meines Erachtens auch sinnvoll ist. Nach einem Übungsdurchgang begann der eigentliche Test über eine Dauer von 40min. Hier sollte ich sehr viele Aufgaben gleichzeitig bearbeiten. Obwohl mich die akustischen Zwischenmeldungen immer wieder aus dem Konzept brachten, verlor ich nie den roten Faden und hatte an der Aufgabe sogar etwas Spaß.

Der abschließende Dynamic Airtraffic Control-Test toppte dieses Gefühl aber noch. Das erste Mal durfte ich an einem „richtigen“ Flugsicherungssimulator Flugzeuge durch meinen Luftraum lotsen. Der DAC war für mich die beste Erfahrung der Voruntersuchung. Nach ca. vier Monaten kam das Ergebnis der VU per Post. Da ich nicht zuhause war, teilte mir meine Freundin am Telefon das Ergebnis mit. Sie meinte, ich hätte es nicht geschafft. Nach dreimaligem Nachfragen gab sie aber zu, mich auf den Arm genommen zu haben. Trotz der Gefühlsachterbahn hatte ich auch diese Hürde genommen und blickte gespannt auf die HU in Hamburg. Noch vor der Ergebnisverkündung zur VU besuchte ich sowohl die DFS-Tower-Niederlassungen in Berlin Tegel und München als auch das Münchener Center und konnte somit einerseits meine Ambitionen unterstreichen, Fluglotse werden zu wollen, und andererseits auf wertvolle Informationen während der letzten Untersuchungsrunde in Hamburg zurückgreifen.

Am Vortag der HU im Dezember 2013 trafen sich sieben von acht Bewerbern zum gemeinsamen Abendessen. So lernten wir uns schon mal kennen, was für die Gruppenübungen durchaus von Vorteil war. Beim Straßenbeladungstest gab es zwei verschiedene Durchgänge. Der erste Durchgang wurde einzeln durchgeführt, der zweite in Zweierteams. Alleine kam ich mit diesem Test kaum zurecht und dachte schon, es sei vorbei: Endstation HU! Im Teamtest lief es dann umso besser. Trotzdem glaubte ich nicht daran, das Ruder noch einmal herumgerissen zu haben. Dann kam die Entwarnung: ich war doch weiter! Auch in der Gruppenübung konnte ich mich beweisen.

Der mündliche Englischtest am nächsten Tag verlief trotz anfänglicher Nervosität recht gut. Im abschließenden Interview wurde ich nochmal durchlöchert. Hier wurde ich nach markanten Eckpunkten und den Motiven meiner gesamten schulischen und beruflichen Laufbahn gefragt und sollte meine Ergebnisse aus VU und HU selbstreflektieren. Über den Verlauf der Ausbildung und mein Engagement unterhielten wir uns sehr genau. Mit den Knobelaufgaben zum Ende des Vorstellungsgesprächs hatte ich so meine Probleme. Die anschließende Wartezeit von 30 Minuten kam mir wie eine Ewigkeit vor. Hin- und hergerissen zwischen „bestanden und nichtbestanden“ wurde mir die Entscheidung dann mitgeteilt: Ich hatte die komplette Untersuchung erfolgreich absolviert; ein großartiger Moment, in dem man erfährt, dass man sein Ziel erreicht hat. Die abschließende medizinische Tauglichkeitsuntersuchung verlief ebenfalls erfolgreich. Allerdings war für mich der Einstellungstermin noch nicht bekannt, sodass ich mit einer weiteren persönlichen Untersuchung rechnen sollte. Dazu kam es aber nicht mehr, da kurzfristig ein Bewerber abgesprungen war, dessen Patz ich einnehmen durfte.

Wieder hatte ich ein großes Zwischenziel auf dem Weg zum Traumberuf erreicht. Nach fast genau zwei Jahren Vorbereitungs- und Untersuchungszeit habe ich nun heute schon die ersten beiden Wochen der Ausbildung hinter mir und freue mich auf meinen weiteren beruflichen Weg.

 

Über den Autor:
Mein Name ist Robert Seifert. Als ehemaliger Leistungssportler bin ich schon immer viel in der Welt herumgekommen und fand mich regelmäßig auf diversen Flughäfen ferner Länder und Europas wieder. Seit einem Schulpraktikum auf dem Dresdner DFS-Tower hatte ich immer das Ziel, nach dem Ende meiner sportlichen Laufbahn Fluglotse zu werden. Nach meinem Abitur 2007 absolvierte ich erst eine Ausbildung zum Notarfachangestellten und leistete dann meinen Dienst in der Bundeswehr als Sportsoldat ab. Im Laufe des Jahres 2013 musste ich die verschiedenen Etappen des DFS-Auswahlverfahrens durchlaufen. Im September 2014 habe ich meine Ausbildung zum Centerlotsen im unteren Luftraum dann schließlich beginnen dürfen.